Andrej Wilhelms

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Malerei der unbestimmten Gegenständlichkeit – Andrej Wilhelms

 

So sehr der Kampf zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit ausgefochten scheint, so zeigt sich doch in diesem Antagonismus ein wesentlicher Grundzug des Kunstwerks in seinem Verhältnis zur Wirklichkeit. Hier ist zu unterscheiden zwischen der sichtbaren, äußeren Wirklichkeit und den Sphären, die sich der Sichtbarkeit entziehen, aber nicht weniger „realistisch“ sind. Die Malerei kann ein Medium zur Wiedergabe der äußeren Wirklichkeit sein. Darüberhinaus ist sie seit der Moderne in der Lage, sich von der äußeren Wirklichkeit loszusagen und sich auf die eigenen, ästhetischen Möglichkeiten zu beschränken. Sie macht sichtbar und ist nicht mehr nur Medium sondern selbst ein Phänomen der sichtbaren Welt – unmittelbar und direkt. Gleichwohl sind das Äußere und die Oberfläche der abstrakten Kunst, auch wenn sie keinerlei Entsprechung in der sichtbaren Alltagswelt haben, nicht bloß unverbindliche und bedeutungslose Formkonstellationen. Man kann sie als Erscheinungen einer verborgenen Welt verstehen.

 

In diesem Spannungsfeld ist das malerische Werk von Andrej Wilhelms zu verorten. Er ist ein Maler der unbestimmten Gegenständlichkeit. Gegenständlich ist diese Malerei, weil sie Bezüge zur äußeren Wirklichkeit hat. Er zeigt Dinge, die in unserer Alltagswelt bereits sichtbar geworden sind oder – so muss man vorsichtigerweise sagen – die dort zumindest vorstellbar wären. Denn so, wie der Maler die Dinge zeigt, sind sie eben nicht vorzufinden. Deshalb kann man diese Gegenständlichkeit unbestimmt nennen. Es gibt keine Namen für die Dinge, die der Künstler im Bilde zeigt.

 

Dieser merkwürdige und eigenartige Eindruck von Gegenständlichkeit entsteht, weil sich der Maler in der Wiedergabe der Dinge auf sein Handwerk verlässt. Seine malerische Profession eröffnet ihm diverse technische Möglichkeiten, die sich in der Malereigeschichte entwickelt haben. Die Methoden sind bekannt und tradiert: Licht und Schatten, Überschneidung und Überlagerung, perspektivische Verkürzung und Proportionen, Vordergrund und Hintergrund. Dieses Vokabular des Illusionismus wird hier aber auf gänzlich neue Weise verwandt. Man könnte sie als im klassischen Sinne surreal bezeichnen. Aber der Unterschied ist doch sehr deutlich, wenn man sich die Werke des Surrealismus vor Augen führt: Verformung von Alltagsdingen und die „zufällige Begegnung“ von Dingen und Orten. Das schafft die Atmosphäre des surrealen Traumes.

 

Wilhelms dagegen kreiert ganz neue Objekte. Diese werden in einen durchaus bekannten Zusammenhang gebracht, nämlich als Stillleben. Der Künstler bildet die dreidimensionale Welt also nicht ab, er erschafft sie erst im zweidimensionalen Bild. Diese Verbindung von Erfindung und Konvention ist irritierend, weil die Wahrnehmung auf eine falsche Fährte geführt wird. Es wird behauptet, das Bild zeige eine außerbildliche Situation und doch ist es erst das Bild, das diese Behauptung grundsätzlich ermöglicht. Das Nicht-Existente wird wie auf einer Bühne als Existentes aufgeführt. Das nur Vorstellbare wird zur Wirklichkeit. Das geschaffene Bild ist die Voraussetzung der äußeren Realität, die sich nach dem Muster des Bildes zu formieren beginnt. Das ist die Kraft der Bilder – sei es, dass sie als Idee entstehen und im konkreten Bild sich sinnfällig niederschlagen, um von dort den Blick auf die äußere Wirklichkeit neu zu eröffnen.

 

Die gegenständlich-mimetische Betrachtung erkennt in  der Bildwelt von Andrej Wilhelms bizarre, skulpturale Installationen. Plastische Gebilde aus Schläuchen und Röhren, Trichtern und Blasen, Spiralen und Bändern, Kuben und amorphen Körpern collagieren sich wie aus eigener Kraft zu einer befremdlichen Gegenstandswelt ohne Vorbild. In den Grenzen des autonomen Bildes entfalten sie ihr Bildleben. Zugleich erzwingen sie einen mehr oder weniger konkreten, gleichwohl illusionistischen Bildraum. Während die Dinge in ihrer Beziehung zueinander klar konturiert sind, ist der Raum eher unbestimmt. So klar das Oben und Unten gegeben ist, so wenig haben die Dinge ein Maß. Es ist nicht zu entscheiden, ob sie groß oder klein sind. Diese relative Unbestimmtheit des Bildraumes ist aber zugleich die Freiheit der Dinge in ihrer bestimmten Unbestimmtheit. Eine Größenrelation könnte erst durch eine Bildgeschichte entstehen. Diese müsste eine Leistung des Betrachters sein. Der Künstler erfindet die Dinge, der Betrachter die Erzählung. Man kann sich dies als Spiel vorstellen. Das Bild offeriert das  Material, dessen Verwendung im Sehprozess nicht bestimmt ist und insofern eigene und neu gesetzte Regeln ermöglicht.

 

Die vom Künstler behauptete Logik wird in der Betrachtung aufgegriffen und fortgesetzt. Die Behauptung wird „spielerisch“ ernst genommen, indem sie Motiv einer eigenen Gesamterzählung des Bildes wird. Die auf diese Weise entstehende Gesamterzählung, die sich zwischen Bild und Betrachter entfalten kann, entbehrt nicht der Widersprüche und Brüche – sowohl im inhaltlichen wie auch im formalen. So kann ein Bildkompartiment, das soeben noch ein Baustein im plastischen Gebilde war, im nächsten Moment nur noch eine in sich homogene aber auch selbständige Fläche ohne zwingenden Bezug zum Narrativ des Bildes sein. Die Ganzheit der kompositorischen Konstellation in ihrer stillebenhaften Einheit bekommt schließlich eine durchaus prekäre Existenz.

 

Aus den komplex verschränkten Gebilden entsteht also ein brüchiges Ganzes, das sich begrifflich nicht auflösen lässt. Was bleibt, ist die Magie der Malerei.

 

Ferdinand Ullrich